"Jedes Kind kann schlafen lernen", oder doch nicht?!

In diesem Block Beitrag findest du viele Infos warum Babys nicht schlafen lernen müssen und was du tun kannst um sie bei der Entwicklung zu begleiten und zu unterstützen.
Das Buch „Jedes Kind kann schlafen lernen“ von A. Kast-Zahn und H. Morgenroth ist im Jahr 1995 mit der Erstauflage erschienen. Mittlerweile gibt es mehrere überarbeitet Auflagen, da es noch immer ein Bestseller ist. Grundsätzlich orientiert sich dieses Buch an der im Jahr 1985 entwickelten Ferber-Methode von Richard Ferber.
 
Zusammenfassung der „Behandlung“ (so nennen es die AutorInnen)
Das Kind wird nach einem täglich individuell durchgeführten Ritual müde aber wach in sein Bett gelegt. Danach verlassen die Eltern den Raum, lassen die Tür aber offen. Wenn es das Kind weint/schreit kommen die Eltern wieder und beruhigen es kurz, nehmen es aber nicht aus dem Bett raus und verlassen danach wieder den Raum. Dabei gehen sie nach einem bestimmten Zeitschema vor. Tag eins 3/5/7 Minuten warten, Tag zwei 5/7/9 Minuten warten, Tag drei 7/9/10 Minuten warten, ab Tag 4 immer 10 Minuten warten, bevor man zum weinenden/schreienden Kind hineingeht. Laut den AutorInnen verlernt das Kind mit dieser Vorgehensweise das Schreien und lernt somit von alleine einzuschlafen.
 
 
Warum diese Methode aus pädagogischer und psychologischer Sicht nicht zu empfehlen ist
Das Schlafen an sich müssen Babys und Kinder nicht lernen, das kennen und können sie bereits aus ihrer Zeit im Bauch der Mutter. Babys können sich im ersten Lebensjahr noch nicht selbst beruhigen/trösten, da ihr Nervensystem noch nicht ausgereift ist und auch größere Kinder brauchen oft die Unterstützung ihrer Eltern, um zur Ruhe (Entspannung) zu kommen.
 
Befriedigung der kindlichen Bedürfnisse
Die wichtigste Aufgabe von Eltern ist es, eine sichere Umgebung herzustellen, die den Bedürfnissen des Kindes entspricht. Dadurch können Lern- und Reifungsprozesse rund um Ein- und Durchschlafen überhaupt erst möglich werden. Wenn Babys und Kleinkinder nachts wach werden fühlen sie sich unwohl, alleine und hilflos. Sie fordern lautstark Körperkontakt und Nähe zur Bezugsperson ein, weil es für sie überlebensnotwendig ist.
 
Eltern können ihr Baby aktiv begleiten, den Unterschied zwischen Tag und Nacht kennenzulernen. Durch Entspannung und das Befriedigen der kindlichen Bedürfnisse nach Nähe, Körperkontakt, Nahrung usw. helfen Eltern ihren Babys einzelne Schlafzyklen miteinander zu verbinden und somit mehrere Stunden am Stück „durchschlafen“, ohne längeres Wach-sein dazwischen. Sich als Kind sicher und geborgen zu fühlen, ist dabei eine wichtige Voraussetzung.
 
Nach Herbert Renz-Polster können Eltern etwa sechs bis acht Stunden als längstes Stück Schlaf erwarten. Auch Kinder, die durchschlafen, wachen nachts in der Regel mehrmals auf. Manche von ihnen schaffen es bereits sich selbst zu beruhigen und/oder schlafen von selbst wieder ein. (Durch)Schlafen ist abhängig von Entwicklungs- und Reifeprozessen, mit etwa 3 bis 4 Jahren sind diese Prozesse abgeschlossen und Kinder schaffen es alleine mehrere Stunden am Stück zu schlafen.
 
 
Feinfühligkeit
Durch eine feinfühlige, angemessene und vor allem zuverlässige Reaktion der Eltern, welche die Bedürfnisse des Kindes stillt, wird Entwicklung und Lernen ermöglicht. Das ist eine wichtige Voraussetzung für eine sicheren Eltern-Kind-Bindung.
Eltern können ihr Kind zum Beispiel hochnehmen und beruhigen, singen, leise mit dem Kind reden, dadurch auf das Kind eingehen und somit die Bedürfnisse stillen.
Laut Bodo Klemenz haben sicher gebundene Kinder und Jugendliche zusätzliche Stärken, die sich insbesondere in ihren guten sozialen Fähigkeiten und ihrer positiven Selbst- und Persönlichkeitsentwicklung zeigen.
 
Doch was bedeutet "Schreien"?
Auf Wikipedia wird es folgend definiert "Das Schreien ist eine Funktion der Stimme, die sich durch eine hohe Lautstärke und meist durch starke Emotionalität auszeichnet. Das Schreien ist wohl die erste kommunikative Lautäußerung des neugeborenen Menschen und stellt damit eine wichtige Stufe in der Entwicklung eines Säuglings dar. Es erfüllt kommunikative Zwecke und ist oft Ausdruck von Unmut und Unbehaglichkeit, Übermüdung, Hunger oder Schmerz. Es gibt unterschiedliche Arten des Schreiens, die sich in Stärke und Intonation unterscheiden."
 
Schreien ist die Sprache der Babys. Ein schreiendes Baby ist für uns immer ein Alarmsignal. Man hat plötzlich den inneren Drang das Baby zu beruhigen und reagiert daher meist intuitiv. In der Steinzeit hätte man sonst wilde Tiere auf sich aufmerksam gemacht. Eltern kennen ihr Babys daher am besten und wissen stets was es wann braucht und können so angemessen und feinfühlig auf das Baby eingehen.
 
Reagieren Eltern nicht anmessen auf das Schreien, fühlen sich Babys alleine und empfinden dabei großen Stress, aus dem sie sich nicht selbst befreien können. Wenn Babys starke unangenehme Gefühle erfahren, weil niemand auf ihren Hilferuf reagiert, erleben sie großen Stress und sie geben auf. So lernen sie, dass niemand da ist um ihm Schutz und Sicherheit zu bieten. Sie resignieren und verlernen nicht, wie von den AutorInnen geglaubt, das Schreien.
 
Babys wissen nicht, dass sie jetzt nicht von wilden Tieren gefressen werden und die Eltern vor der Tür stehen und eine bestimmte Zeit warten. Zeitgefühl entwickelt sich erst ab dem Schulalter.
 
Einschlafen und Schlafen hat immer etwas mit Abschied und Trennung zu tun.
 
Eltern - immer auf der Suche nach dem besten Kompromiss
Die wichtigsten Fragen, die sich Eltern in der Kindeserziehung stellen dürfen sind
  • Wie würde es mir in dieser Situation mit dieser Erziehungsmaßnahme gehen?
  • Würde ich wollen, dass man mit mir so umgeht?
  • Welche Alternativen haben wir?
  • Können wir einen Kompromiss finden, der für alle passt?
  • Was kann/soll man daraus lernen?
Eltern greifen oftmals aus Verzweiflung und hohem Leidensdruck sowie Unwissen, weil es ein Bestseller ist, zu diesem Schlaf-Lern-Programm. Viele Eltern berichten, dass sie das Programm ausprobiert haben, aber gleich gemerkt haben, dass ihr Kind dadurch unnötig in eine Stresssituation gerät und verzweifelt bitterlich zu weinen begonnen hat.  
Eltern-sein bedeutet ständiges Lernen und Weiterentwicklung. Dabei passieren auch Fehler aus bestem Wissen und Gewissen. Deshalb ist es auch wichtig aus den Fehlern zu lernen, um es beim nächsten Mal besser zu machen.
 
 
Kinder können mit Hilfe von uns Eltern "lernen" alleine einzuschlafen. Wenn es Kinder schwer fällt einzuschlafen, kann dies unterschiediche Gründe haben: Schwierigkeiten sich zu entspannen, Sorge etwas zu versäumen, (Trennungs)Ängste, Regulationsschwierigkeiten, ....... Ein individuell auf das Kind und seine Bedürfnisse abgestimmte Vorgehensweise unterstützt ihr Kind dabei wichtige Fähigkeiten rund ums Ein- und Durchschlafen zu entwickeln.
 
 
Autoren: Marie Scherz (Sozialpädagogin) und Mag. Sabine Rühl (Gesundheitspsychologin)
 
Quellen: A. Kast-Zahn/H. Morgenrroth – Jedes Kind kann schlafen lernen; Bodo Klemenz – Verwurzelt fliegen; Herbert Renz-Polster – Kinder Verstehen; Karl Heinz Brisch – Säuglings- und Kleinkindalter
 
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